Vom Tschinggerucksäckli

Faschingsköpfe - Othelloschalen mit Vanillecreme - ehemals ...

Ich bin nicht sehr glücklich darüber, dass man den Begriff «Mohrenkopf» nicht mehr zu verwenden hat. Aber ich finde es richtig und gut so. Mich verbindet noch weit mehr mit dem Wort, als ich es zunächst dachte. Weil ich ein Tschingg bin, oder eben nicht.

Als Kind erlebte ich ab und zu das grosse Glück, einen Mohrenkopf vom Grossenbacher-Beck essen zu dürfen. Mama gab mir einen Einfränkler, sagte, geh und hol dir einen «mòrocopf». Im Klang ihrer Stimme war auch immer ein subtiler Unterton drin, als würde sie sagen: Kind, du bist Weltmeister aller Kinder, und das ist der Pokal, hier ein Franken, hol dir die Goldmedaille.

Eines Tages dachte ich über den Begriff «Kopf» im Namen nach. Beisst man da in einen symbolischen Kopf? Komisch. Aber ich meine, was wissen Bäcker schon, was ein cooler Name ist. Dann enthüllte mir meine Schwester, der käme von den Schwarzen, der Name: Mohren, damit sind Schwarze gemeint, und der Mohrenkopf ist also ein Kopf eines Schwarzen. 

Unweigerlich dachte ich damals an Louie Armstrong. Der lief just zu jener Zeit, das war ungefähr 1983, auf und ab, auf RAI im Radio und TV. Was weiss denn der Grossenbacher-Beck schon von Jazz? 

Ich biss also in Louie Armstrongs Kopf. Irgendwie kannibalistisch. Genau, dabei sind doch die Buschneger die Kannibalen, oder? Was würde Eure Majestät Louie Armstrong dazu sagen? Würde er aus seinen verstopften Bronchien heraus lachen? Oder würde er sagen: Baker, what the hell you doin?

Später entdeckte ich weisse Mohrenköpfe. Also Entwarnung, nix Rassismus. Wahrscheinlich wusste der Bäcker nicht einmal, was meine Schwester wusste. Was wissen Bäcker schon, was eigentlich Mohren sind. 

Was wäre, wenn die Dinger «Tschinggechopf» geheissen hätten? Das ist nicht das Gleiche? Sicher?

Du magst vielleicht denken, wie lieb du eigentlich die Italiener hast, und «Tschinggeli» für dich ein Kosename ist, und Italiener ja keine Sklaven oder Buschmänner sind (oh, wie rassistisch dieser Vergleich...). Und du kennst sicher irgendwelche Italiener – ich denke da an die coole Frau Iaccarino, die viel zu früh gestorben ist – die sogar sich selber oder andere Italienerinnen als «Tschingge» bezeichneten. So wie die Schwarzen einander manchmal «Nigga» rufen. Also kann doch der Begriff gar nicht so schlimm sein. Aber dass ich nicht vergessen habe, wie Maria Iaccarino einmal «Tschingg» sagte, dann kannst du vielleicht verstehen, wie bedeutsam dieses Wort für mich ist.

Dieses Wort versinnbildlicht in einer Millisekunde, dass wir Kinder von eingewanderten Italienern die Sprösslinge einer ungeliebten Untergattung von Menschen sind. Mit diesem Begriff wurden meine Eltern herabgesetzt, als minderwertig und dreckig angesehen, als Ausgeburten eines finsteren Volkes von Dieben und Mördern.

Ich bin nicht der grosse Italien-Freund, musst du wissen. Aber Tschingg, das trifft mich hart. Das triggert etwas in mir. Es fühlt sich wie ein Schlag ins Zwerchfell. Und man hat nichts zu entgegnen. Diese Machtlosigkeit macht es noch schlimmer. Mir wäre es lieber, eins in die Fresse zu kriegen, als Tschingg genannt zu werden. Ein Schlag ins Gesicht ist wenigstens etwas auf Augenhöhe, und du könntest gleichwertig zurückschlagen. 

Ich will auch gar nicht daran denken, was meine Eltern empfanden, als sie andauernd damit herabgesetzt und gedemütigt wurden. Keine Tat ihrerseits berechtigte diese Beschimpfung. Wenn dir jemand Arschloch sagt für das, was du sagst und tust, ist das irgendwie nachvollziehbar. Aber Tschingg, das ist völlig unverschuldet. Da gibt es keine Täter, weil es keine Tat gibt, und auch keine Opfer. 

Das ist so unerträglich bösartig, jemanden ungerechfertigt herabzusetzen für etwas, was man nichts dafür kann. 

Fiat Nuova 500 – WikipediaDarum verstehe ich, dass «Mohrenkopf» einfach nicht in Ordnung ist. Mohren waren nicht einfach Schwarze, sondern Untermenschen. Das mögen wir so nie verwendet haben, aber es ist im Wort, im Begriff auf ewig drin. Obwohl mir der Begriff «Mohrenkopf» eigentlich angenehm und egal war, geht mir «Tschinggerucksäckli» auf den Sack. Das ist dieser Kosename für die kleinen und so beliebten – aber auch belächelten – Fiat 500. Allein der Teil «Tschingg» lässt dieses Entehrende hochkochen in mir. Das ist ein Trojanisches Pferd, durch das man versucht hat, den Rassismus des Begriffs zu waschen, weil er lieb gemeint ist.

Was mich wundert: Ich habe keine Marke, Firma oder Unternehmen gefunden mit dem Namen «Nigger» oder «Nigga». Aber in Zürich gibt es eine Pasta-Kette, die sich «Tschingg» nennt. Das Unternehmen will den Namen eben gegen den Rassismus verwenden, aber das funktioniert einfach nicht. 

Mitglied Koordination BastA!


Seit 2017 bin ich Mitglied der Koordination von BastA!, dem strategischen Organ der Stadtpartei. Wir befinden über politische Aktualitäten, beschliessen Aktivitäten, Initiativen und Referenden, besprechen Teilnahmen in Komitees und anderen Aktivitäten, und nehmen politisch Stellung zu aktuellen Geschäften. Die Koordination tut genau das: Sie koordiniert.

Mitglied Vorstand Grüne Schweiz


BastA! hat mich im Mai 2017 zu ihrem Vertreter im Vorstand der Grünen Schweiz ernannt. Der Vorstand ist das strategische Organ der Partei und bestimmt deren Kursrichtung. Der rund 40-köpfige Vorstand tagt vier- bis sechsmal im Jahr, meistens in Bern, zuletzt oft im Bundeshaus.

Delegierter BastA!


Seit Mai 2017 bin ich Delegierter für BastA!. Die Delegiertenversammlung der Grünen Schweiz findet viermal jährlich statt. Hier befinden die Delegierten die Parolen zu den bevorstehenden Abstimmungen, bestimmen alle zwei Jahre das Präsidium und diskutieren über Initiativen, Referenden und Resolutionen.

Die Partei BastA! kann vier Delegierte an jede Versammlung schicken.

Ich bin auch Basel!


Mit dem neuen Stimm- und Wahlrecht ist es Basler*innen ohne Schweizer Pass unter gewissen Bedingungen bald möglich, an kantonalen Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen. Ich habe, wie viele andere, mein Gesicht für diese Kampagne gegeben.

Sibel's Freund*innen


Ende September 2019 war ich Gründungsmitglied und Kassier des Vereins Sibel's Freund*innen. Unser Ziel war, Sibel Arslans Wiederwahl in den Nationalrat zu unterstützen. Daraus entstand eine Website, coole runde Kleber – und eine kleine Bewegung von ein paar Dutzend jungen und älteren Menschen, die am Morgen des Wahlsonntags gemeinsam ins Rathaus wählen ging.